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3.Kapitel
BITTET DEN HERRN DER ERNTE

Herr, du hast schon gewußt, daß es wenige Arbeiter geben wird, und uns deswegen aufgefordert, den Vater zu bitten, daß er Arbeiter sende, daß er der Kirche Priesterberufungen schenke. Wie groß, wie unergründlich ist das Geheimnis einer Priesterberufung! In das Leben eines Jugendlichen, eines heranwachsenden oder eines bereits gereiften Menschen bricht deine überwältigende Gegenwart ein, wendet sich an ihn und ruft ihn. Denn du berufst, Herr, und hörst nicht auf zu berufen. Das Problem liegt bei uns, wir sind nicht immer bereit, auf deine Stimme zu hören. Darum komme ich jetzt zu dir und bitte dich, daß du die Herzen derer bewegst, die du zum Priestertum oder zum gottgeweihten Leben berufen hast. Du verlangst einen totalen Verzicht von ihnen: Sie müssen menschliche Bindungen, Familie, Freunde, manchmal auch Heimat und persönliche Vorhaben hinter sich lassen ... Du forderst sie auf, dir nachzufolgen. Du zeigst dich in ihrem Leben ohne Vorwarnung; du bist ihr Herr und rufst sie als solcher: Folge mir nach. Du willst, daß sie augenblicklich all die Vorhaben und Wunschträume, die sie sich für ihr Leben gesetzt hatten, aufgeben. Wie schwer muß es für sie sein, alles zu verlassen, aber welche Freude müssen sie zugleich über deine Liebe und Erwählung verspüren. Wie hoch erhebst du sie als deine besonderen Freunde und Erwählten! Schon wenn du sie erwählst, hast du ihnen das große Abenteuer zugedacht, dein Evangelium zu verkünden.

Laß sie großzügig sein, Herr, damit sie deinem Blick nicht ausweichen und sich ängstlich an ihren Besitz klammern, wie der reiche Jüngling im Evangelium (vgl. Mt 10,17-21), der nicht den Mut hatte, seine materiellen Güter aufzugeben. Laß sie dir freudig nachfolgen, nichts soll sie davon abhalten. Laß sie mutig sein, daß sie sich nicht von den leicht zu habenden Vergnügungen der Welt verführen lassen, daß sie entschlossen dir folgen, der du die Wahrheit und das Leben bist.

Herr, ich bitte dich für alle Jugendlichen der Welt, die in diesem Augenblick ihres Lebens vor einem Entschluß stehen, daß sie großherzig sein können und ja zu dir sagen, wie Maria, als du sie durch den Engel fragen ließest, ob sie deine Mutter sein wolle. Gib, daß der Glaube ihnen zeigt, daß sich jenseits dessen, was sie zurücklassen, so unermeßlich viel Gutes verbirgt, das sie zahllosen Menschen tun werden, die sie aufgrund dieses kleinen, aber so unendlich wichtigen Ja zum ewigen Heil führen werden.

Ich bitte dich besonders für die jungen Menschen, die ich kenne und die sich ernsthaft die Frage nach einer möglichen Priesterberufung stellen. Schenke ihnen dein Licht, damit sie deinen Willen erkennen, und gib ihnen vor allem eine große Liebe. Lehre sie, nicht nach spürbaren menschlichen Zeichen zu suchen, die gleichsam unwiderlegbar und vernunftmäßig beweisen, daß du sie berufst. Bei der Berufung geht es ja nicht um eine Sache, die mit Evidenz zu tun hat, sondern um Liebe. Und wenn du eines Tages durch mein Gewissen zu mir sprechen und mich in deine Nachfolge rufen solltest, bitte ich dich schon jetzt um den Mut, alles zurückzulassen, ohne mich umzusehen, und dir mit großer Freude nachzufolgen.

Ich denke jetzt an alle, die du schon in ihrer Kindheit mit einer Berufung beschenkt hast. Sie liebst du ganz besonders, weil du sie dann schon für dich und dein Reich erwählt hast. Diese Jugendlichen haben das Ziel vor Augen, eines Tages Priester zu sein, und sie leben ihre Berufung mit der Einfachheit, der Freude und der ungetrübten Offenheit, die den Menschen reinen Herzens eigen sind. Sie wissen, daß du ihnen ein wunderbares Geschenk gemacht hast, und sind entschlossen, es zu bewahren und zu verteidigen. Ich bitte dich für sie, Herr: Stärke sie in ihrem Entschluß, und hilf ihnen, ihrem Vorsatz angesichts der Hindernisse, die ihnen möglicherweise begegnen, wirklich treu zu bleiben.

Ich bitte dich auch für die erwachsenen Männer und Frauen, die den Ruf zum Priestertum oder zum gottgeweihten Leben verspüren. Laß sie ihrem Vorsatz treu bleiben und den Plan, den du für ihr Leben hast, annehmen und verwirklichen.

Ich bitte dich auch für all jene, die sich bereits entschieden haben, deinem Ruf großherzig zu folgen, und die sich in den Seminaren und den verschiedenen Ausbildungseinrichtungen für Priester- und Ordensleute befinden. Wir Außenstehende meinen, sie seien schon am Ziel angelangt, aber auch sie haben ihre Prüfungen, ihre Versuchungen, ihre Zweifel, ihre Unentschlossenheit, ihre Schwächen, wie alle Menschen. Hilf ihnen, daß sie auf dem Weg bleiben, den sie eingeschlagen haben, daß sie nicht nachlassen in ihrem Bemühen, heilig zu werden, Menschen, die sich ganz für die Verbreitung des Evangeliums einsetzen. Die Welt braucht solche Menschen. Wir brauchen solche Menschen, damit sie uns mit deiner Liebe entzünden und uns klar und sicher zu dir führen.

Ich will auch jene in mein Gebet einschließen, die das erhabene Geschenk des Priestertums bereits erhalten haben und auf der ganzen Welt dein Wort verkünden, den Menschen deinen Leib und dein Blut reichen und deine Versöhnung spenden. Sie sind die Arbeiter schlechthin in deinem Weinberg, deine Freunde und Auserwählten.

Ich bitte dich für die jungen Priester, daß sie all ihre Energie darauf verwenden, dein Evangelium zu verkünden. Für die müde gewordenen Priester, für die, die eine persönliche Krise durchzumachen haben, daß du ihnen neuen Schwung für ihren Dienst gibst und ihnen hilfst, die Größe ihrer priesterlichen Sendung zu sehen. Für die Priester, die innerlich zu leiden haben, daß du ihnen deinen Trost schenkst. Für die Priester, die ihre erste Liebe verloren haben, daß du erneut deine Liebe in ihre Herzen ausgießt. Für die Priester, die sich der Lehre und der Predigt widmen, daß du sie durch den Heiligen Geist erleuchtest und führst. Gib den verfolgten Priestern Kraft und Frieden in ihren Versuchungen. Hilf den alten und kranken Priestern, sich in ihrem Leiden mit dir zu vereinen und es zum Wohl des mystischen Leibes aufzuopfern. Steh den Priestern, die ihr Leben der Jugend widmen, bei, und hilf ihnen, Begeisterung für Heiligkeit und Apostolat in den Herzen derer zu wecken, mit denen sie arbeiten. Gib den Priestern, die sich in den kontemplativen Klöstern dem Gebet widmen, die Gabe der vollkommenen Einheit mit dir und Beharrlichkeit in ihrem Beten und Opfern für die Weltkirche. Schenke den Priestern, die in schwere Sünde gefallen sind, ein reumütiges und vertrauensvolles Herz, daß sie keinen Augenblick zögern, zu dir, der Quelle des Erbarmens und der Versöhnung, umzukehren. Stärke alle Priester deiner Kirche. Erhalte sie in ihrem Beruf und in ihrer Sendung. Mache sie ihres Dienstes würdig. Gib uns heilige Priester, denn wir brauchen solche Heiligkeit für unser Leben.

Ganz besonders bitte ich dich für all jene, die ihr Leben der Förderung von Berufungen widmen. Erleuchte sie, damit sie die Jugendlichen von heute in deinem Namen mit derselben Kraft zu rufen verstehen, wie du es während deines öffentlichen Wirkens getan hast. Gib ihnen die Gabe der Unterscheidung, den Mut, ohne Furcht zu verkünden, daß du die Menschen berufst, und die Überzeugung, daß sie den Jugendlichen den größten Dienst erweisen, wenn sie ihnen den Ruf Christi an ihr Leben erschließen.[1]

Ich bitte dich auch ganz besonders, daß die Familien erkennen, daß die Berufung zum Priester- oder Ordensleben etwas Großartiges ist, und sie annehmen. Für manche Eltern scheint es eine Tragödie zu sein, wenn ein Sohn Priester oder Ordensmann werden will. Ihnen wäre es lieber, wenn sie allen möglichen Lastern zum Opfer fallen würden. Andere dagegen sind sich der wahren Größe einer Berufung bewußt und bitten dich unaufhörlich darum, daß eines ihrer Kinder zum Priestertum oder zum gottgeweihten Leben berufen wird. Ich bitte dich, Herr, daß immer mehr Familien verstehen, daß eine Berufung auch sie selbst bereichert. Herr, gib deiner Kirche Familien, die nach dem Evangelium leben, so daß aus ihnen Berufungen hervorgehen können. Schütze unsere Familien. Mache sie zu Orten, wo deine Liebe und dein Friede erfahrbar werden. Zu Oasen des Glaubens und der Hoffnung, wo alle Mitglieder im Gebet und um Maria vereint sind und das Geheimnis des Lebens liebevoll annehmen. Solche Familien sind der Ort, wo der Glaube gelebt und weitergegeben wird und Apostel für dein Reich heranwachsen können.

Ich bitte dich, daß in der Gesellschaft das Geschenk der Berufungen immer mehr geschätzt wird, denn jede von ihnen ist ein Geschenk an die Menschheit und an die Umgebung, in der sie lebt und wirkt; denn sie geben den Menschen dort deine Botschaft und deine heilbringende Gnade weiter.

Ich opfere dir auch meine kleinen Leiden und Schmerzen, Unwohlsein, Verzicht, Mißerfolge usw. für Berufungen auf. Ich möchte sie persönlich fördern und helfen, wo es mir möglich ist, geistig wie materiell. Schließlich opfere ich dir auch mein Leben auf, damit du es zu einem Werkzeug machst, durch das du zu den Menschen sprechen kannst. Ich mache mir die Worte zu eigen, die P. Maciel, der Gründer der Legionäre Christi, im Alter von 26 Jahren über die Nöte der Welt niederschrieb:

Wenn ich an die Welt denke,

die vor sich hinstirbt,

weil Christus fehlt;

wenn ich an das abgrundtiefe Chaos denke,

in das die ruhelose und blinde Menschheit stürzt,

weil Christus fehlt;

wenn ich so viele gute Menschen

ruiniert sehe und

wie sie keine Frucht bringen,

weil Christus fehlt;

wenn ich die Massen von Arbeitern anschaue,

die dem Kommunismus in die Arme laufen,

weil Christus fehlt;

wenn ich sehe, wie die Jugend kraftlos

und ausgebrannt ist, schon im Frühling ihres Lebens,

weil Christus fehlt;

dann kann ich mein klagendes Herz nicht zum Schweigen bringen.

Ich möchte mich vervielfachen und teilen,

um zu schreiben, zu predigen

und Christus zu verkünden.

Und aus tiefstem Herzen formt sich dann

ein durchdringender Ruf:

Mein Leben für Christus!

Die Menschheit wieder zu Christus bringen!

Das ist unsere Aufgabe,

das ist unser Ziel.



[1] vgl. Schreiben von Papst Johannes Paul II. an die Priester zum Gründonnerstag 1985 [= Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 62]

                                                                                                                                                                                                       
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