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EINFÜHRUNG
ANLEITUNG ZUR EUCHARISTISCHEN ANBETUNG

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.[1] Gott spricht zu uns im wunderbaren Buch der Schöpfung, und er offenbart sich auch im Heiligtum des Gewissens. Im unermeßlich Großen, das unser Fassungsvermögen übersteigt, und im Innersten unserer Innerlichkeit: Superior summo meo, intimior intimo meo. Höher als mein Höchstes und innerlicher als mein Innerstes, sagt Augustinus[2]. Die Berufung ist die geheimnisvolle Offenbarung Gottes, die er an einen Menschen richtet, den er aus Staub geschaffen hat. Dadurch vertraut er ihm eine Aufgabe an, die seine Kräfte bei weitem übersteigt. Es ist die Berufung der Liebe, die einlädt, zu lieben und Liebe zu verbreiten.

Ich habe immer große Achtung für jene Menschen gehabt, die diesen Ruf Gottes gehört und ihr Leben ihm und seinem Reich geweiht haben. Als jedoch dieser einfache, aber unüberhörbare Ruf Christi: Folge mir nach! plötzlich und unerwartet mich selbst erreichte, da verstand ich, daß das Geheimnis, das die Berufung umgibt, dasselbe ist, das in den Tiefen des Alls wirkt: die ewige Liebe, die zuerst dem schönen Weltall Bewegung gibt, wie Dante[3] sagt. Und nicht nur der Sonne und der Sternenwelt gibt Gottes Liebe Bewegung, sondern auch der menschlichen Freiheit.

Jede Berufung zum Priestertum oder zum gottgeweihten Leben ist ein einzigartiges, unwiederholbares Liebesgedicht. Es ist ein Gespräch von Herz zu Herz, des freien Geschöpfs mit seinem Schöpfer, der beruft, damit das Mysterium der Menschwerdung auf der Welt fortdauert, der beruft, ein zweiter Christus für die Menschheit zu werden. Christus wird von diesem Menschen Besitz ergreifen, der ohne aufzuhören, irdenes Gefäß zu sein, den Schatz der Liebe Gottes trägt und der Welt anbietet (vgl. 2 Kor 4,7).

Aber obwohl die Menschen die Liebe Gottes und Gott selbst so sehr brauchen, sehen wir, daß es nur wenige, viel zu wenige Arbeiter für die Ernte des Herrn gibt. Was können wir tun? Wo können wir nach Arbeitern für seine Ernte suchen? In den Familien, in den Schulen, auf den Universitäten, in den Jugendgruppen. Das auch, aber vor allem muß man den Herrn der Ernte bitten, daß er Arbeiter für seine Ernte aussende (vgl. Mt 9,38; Lk 10,2). Viele Christen nehmen diesen Auftrag des Herrn ernst und treffen sich in Gruppen, um den eucharistischen Herrn um diese Gabe zu bitten. Und man muß sagen, daß der Herr großzügig antwortet: Er gibt mit vollen Händen. Man muß ihn nur darum bitten.

An dieser Stelle fällt mir eine Begebenheit ein, die mir die Schwestern eines französischen Klausurkonvents voller Begeisterung erzählten. Sie waren schon jahrelang ohne Neuzugänge. Die Gemeinschaft bestand großenteils aus älteren Schwestern und war daher in Sorge um die Zukunft des Konvents. Eines Tages stand eine Familie im Sprechzimmer, die Eltern mit ihren drei Buben, zwei Mädchen und einem Baby. Sie waren gekommen, um für eins der Mädchen, das an Leukämie litt, um Gebet zu bitten. Das Mädchen hörte, was über das Ausbleiben von Berufungen für den Konvent gesprochen wurde und nahm sich vor, das Leiden und die Schmerzen der Krankheit in dieser Intention aufzuopfern.

Am nächsten Morgen klopfte zum ersten Mal nach vielen Jahren eine Interessentin beim Kloster an und bat um Aufnahme. Nach ihr kamen noch andere und brachten neues Leben in die Gemeinschaft, die wieder aufblühte. Manche werden dieses Ereignis für einen Zufall halten. Aber wer den Worten Christi: Bittet, dann wird euch gegeben (Mt 7,7) glaubt, wird darin wie in vielen anderen Ereignissen ein Eingreifen Gottes sehen, der nicht aufhört, das demütige, beharrliche und vertrauensvolle Gebet seiner Kinder zu erhören. Wenn es also wenige Arbeiter in der Kirche gibt, liegt es dann nicht auch daran, daß wir den Herrn der Ernte zu wenig darum bitten, daß er sie aussende?

Die vorliegende Anleitung will praktische Anregungen zum persönlichen Gebet vor dem eucharistischen Herrn geben. Es sind Texte, die schon in verschiedenen Pfarreien und Gebetsgruppen verwendet werden. Am Schluß des Heftes befinden sich einige Texte über das Thema Berufung, die während der Anbetung betrachtet werden können.

Ich bin sicher, daß der Heilige Geist einem jeden eingibt, wie er vor dem eucharistischen Herrn beten soll, wie er mit Christus unserem Freund und Meister, der unter den eucharistischen Gestalten wahrhaft gegenwärtig ist, sprechen soll. Ich empfehle Ihnen, daß Sie mit Maria Christus anbeten. Durch den einfachen Hinweis Sie haben keinen Wein mehr (Joh 2,3) war sie der Auslöser für das erste Wunder Jesu in Kana. Durch die Macht ihrer Fürsprache kann sie das Wasser unseres kalten Herzens in den vorzüglichen Wein der Liebe Gottes verwandeln.

P. Pedro Barrajón LC


[1] IImmanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Beschluß

[2] Confessiones III, 6, 11

[3] Divina Commedia, Die Hölle, I, 38-40

 

                                                                                                                                                                                                       
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