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Ein unermüdlicher Apostel
Priesterausbildung in mexikanischer Christenverfolgung
Mit Rafael Guízar Valencia sprach Papst Benedikt XVI. am 15. Oktober den ersten auf dem amerikanischen Kontinent geborenen Bischof heilig. Gewirkt hat der neue Heilige nicht nur inmitten der Christenverfolgung Mexikos, wo er inzwischen Patron des Episkopats ist, sondern auch in den USA, Guatemala, Kolumbien, El Salvador und auf Kuba. Auch in der Geschichte der Legionäre Christi und des Regnum Christi spielt der neue Heilige eine wichtige Rolle.

Strahlender Sonnenschein liegt am 1. Januar 1920 über dem Hafen von Veracruz, als sich der aus Kuba kommende Dampfer La Esperanza (deutsch: Die Hoffnung) langsam der Hafenmole nähert. Am Ufer erwartet eine riesige Volksmenge gespannt die Ankunft ihres neuen Bischofs Rafael Guízar Valencia, der nun aus dem Exil in seine mexikanische Heimat zurückkehrt. So manch einer ist wohl überrascht, als der wohlbeleibte und einfache Mann in einem abgenutzten Anzug das Schiff verlässt und sogleich verkündet, dass die weltliche Feier seiner Amtseinführung ausfallen werde. Das dafür bereitgestellte Geld soll den Opfern eines Erdbebens zugute kommen, das wenige Tage zuvor einen Teil des Bistums erschüttert hatte.

 

Glaubensverkündigung mit Akkordeon

 

Doch nicht nur mit Erderschütterungen hat der neue Oberhirte zu kämpfen. Sein Bistum umfasst etwa 1,2 Millionen Gläubige, von denen 80 % Analphabeten sind und in großer Armut leben. Besonders die geistige Not der Menschen inmitten der mexikanischen Christenverfolgung und die Glaubensverbreitung liegen Bischof Rafael am Herzen, so dass er seine ausgedehnten Pastoralbesuche in Volksmissionen verwandelt. Diese beginnen oft damit, dass der Bischof auf seinem Akkordeon Volkslieder vorspielt. Wenn sich die Dorfgemeinschaft dann um ihn versammelt und Vertrauen gefasst hat, erzählt er ihnen begeistert von Christus und dem Evangelium, lehrt den Katechismus, hört Beichten, spendet die Firmung, besucht die Kranken und feiert die Messe. Überall wo er hinkommt, verkündet, erneuert und festigt er den Glauben.

 

Für seine Priester ist Bischof Rafael ein gütiger aber auch anspruchsvoller Vater. Er selbst hatte in seinen Priesterjahren auf schmerzvolle Weise den Gehorsam gelernt, als er inmitten eines fruchtbaren Apostolates aufgrund falscher Anschuldigungen eineinhalb Jahre vom priesterlichen Dienst suspendiert wurde. Im Vertrauen darauf, dass Gott diese Prüfung um eines höheren Gutes willen zugelassen hatte, war von ihm kein schlechtes Wort weder über seinen Bischof noch über seine neidischen Feinde zu hören.

 

Ein besonders Anliegen für Bischof Rafael ist die Förderung von geistlichen Berufen getreu seinem Motto: Ein Bischof kann notfalls ohne Mitra und ohne Kathedrale auskommen, aber keinesfalls ohne Priesterseminar. Da jedoch die Regierung die Schließung aller Seminare angeordnet hat, muss dies im Geheimen stattfinden. Hier beweist Bischof Rafael viel Phantasie und Einfallsreichtum: Bis zu 300 Seminaristen werden in verschiedenen Häusern versteckt. Die theologischen Vorlesungen finden teilweise in angemieteten Kinos statt, während draußen Gläubige eine Warteschlange simulieren und damit jeden möglichen Verdacht zerstreuen.

 

Versteckspiel auf Leben und Tod

 

Aus eigener Erfahrung weiß der Bischof jedoch sehr wohl, dass dieses fast lustig wirkende Versteckspiel kein Spaß ist, denn Christsein ist in dieser Zeit lebensgefährlich. Wegen seiner priesterlichen Tätigkeit wurde er selbst schon mehrmals zum Tode verurteilt. Einmal konnte er dem Exekutionskommando nur dadurch entkommen, dass er wenige Sekunden vor dem Feuerbefehl seine goldene Uhr ein Familienerbstück überraschend als Geschenk in die Mitte der Soldaten warf und die daraus entstehende Verwirrung nutzte, um durch das angrenzende Zuckerrohrfeld zu entkommen. Ein anderes Mal erklärte er auf dem Weg zur Exekution dem verantwortlichen Offizier, dass eine Verwechslung vorläge und er nicht der gesuchte Übeltäter, sondern nur ein harmloser Straßenmusikant sei. Der Offizier etwas verunsichert beschlagnahmte daraufhin ein Akkordeon, das der Verurteilte sofort eifrig zu spielen begann. Nach mehreren Stunden musikalischer Unterhaltung, die von entsprechenden Getränken begleitet wurde, ließen ihn die Soldaten gehen.

 

Wenn es Bischof Rafael auch immer wieder gelingt, sich auf abenteuerliche Weise den Nachstellungen seiner Verfolger zu entziehen, so schreckt er dennoch nicht davor zurück, auch mit seinem Leben für den Glauben einzustehen. Im Zuge der Christenverfolgung hatte der Gouverneur von Veracruz, Adalberto Tejeda, vergeblich versucht, den Bischof ausfindig zu machen und seinem missionarischen Wirken ein Ende zu setzen. Schließlich setzte er Kopfgeld auf ihn aus, ließ gefangene Priester foltern und drohte weitere Repressalien an. Mit der ihm eigenen Findigkeit verschaffte sich der Hirte daraufhin Zugang zum Gouverneurspalast und stand auf einmal unverhofft vor seinem verblüfften Verfolger, den er aufforderte, ihn doch selbst an Ort und Stelle zu erschießen, statt seine Priester zu quälen und seine Gläubigen durch Geldprämien dazu anzustiften, ihren Bischof zu verraten. Erstaunt von diesem Mut, lässt Tejeda die bereits gezückte Pistole sinken und begnügt sich mit einer Verbannung. Erst als sich zwei Jahre später nach einem Regierungswechsel die Lage ein wenig entspannt, kann der unermüdliche Apostel die Missionsarbeit in seinem Bistum fortführen.

 

Ein Same für die Evangelisierung

 

Im Januar 1936 erhält Bischof Rafael unerwartet Besuch von einem nahen Verwandten, dem erst 15-jährigen Marcial Maciel. Dieser berichtet dem Großonkel eifrig davon, dass er Priester werden will und auf dem Weg nach Puebla sei, um dort bei den Karmelitern das Noviziat zu beginnen. Der Bischof schmunzelt. Er erinnert sich noch gut daran, dass er seinerzeit der Mutter Marcials geraten hatte, nicht bei den Theresianerinnen einzutreten, sondern zu heiraten. Ob die Mutter den Jungen wohl deswegen zu ihm geschickt hatte? Nach einer kurzen Überlegung antwortete er väterlich: Du bleibst bei mir, in meinem Seminar, um zu sehen, was Gott von dir will. In den folgenden Monaten nahm Bischof Rafael den jungen Marcial mit auf seine Missionsreisen, wo dieser nicht nur den unermüdlichen apostolischen Eifer, sondern auch das tiefe Gebetsleben, die Nächstenliebe, die väterliche Güte, die Liebe zur Eucharistie, die Herz-Jesu-Verehrung, den Einsatz für die Kirche und die Nähe zur Gottesmutter Maria dieses heiligen Bischofs kennen lernte und tief davon geprägt wurde. Konnte Bischof Rafael dessen Versuch einer Ordensgründung bereits 1910 gescheitert war damals ahnen, dass sein Vorbild prägend für die Spiritualität der Legionäre und des Regnum Christi werden würde? Eine Frucht die bleibt Auch nach dem Tod des Bischofs im Jahre 1938 blieb sein Andenken unvergessen. Als zwölf Jahre später eine Umbettung des Leichnams erforderlich wurde, stellte sich heraus, dass dieser unverwest war. Dies war ein weiterer Ansporn, den Seligsprechungsprozess zu eröffnen. Dabei zeigte sich, dass Bischof Rafael nicht nur ein Fürsprecher für Priester und Bischöfe, sondern auch für die Familien ist. Den Weg zur Seligsprechung 1995 eröffnete die Geburt eines Jungen durch eine auf dauerhafte Unfruchtbarkeit diagnostizierte Frau. Für die Heiligsprechung war die wundersame Heilung einer physischen Behinderung eines ungeborenen Kindes entscheidend. Beide erhielten den Namen Rafael, und sie waren es auch, die bei der Heiligsprechung in Rom die Reliquie ihres großen Namenspatrons vor den Altar des Papstes stellten.

 

Lebensdaten:

 

26. April 1878                     Geburt in Cotija de la Paz

 

1. Juni 1901                        Priesterweihe in Zamora

 

1907-1909                           Suspension a divinis

 

1915 1.                               Exil in den USA, Guatemala und Kuba

 

30. November 1919              Bischofsweihe in Kuba

 

1927-1929                           2. Exil in den USA, Guatemala, Kuba, Kolumbien

 

6. Juni 1938                         Tod in Mexiko-Stadt

 

28. Mai 1950                        Umbettung des unverwesten Leichnams

 

29. Januar 1995                   Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II.

 

15. Oktober 2006                 Heiligsprechung durch Papst Benedikt XVI.

 

 

Martin Baranowski LC 

 

                                                                                                                                                                                                       
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