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Predigt des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner während der Chrisammesse
Am 17. März 2008
Im Hohen Dom zu Köln
Erzbischof Joachim Kardinal Meisner


Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder!


In der alljährlichen Chrisammesse feiern wir unsere priesterliche Berufung und Begnadigung, so dass der theologische Ort des Priesters in Kirche und Welt dabei sichtbar wird. Wir sind als Priester untereinander nicht Kollegen oder Nachbarn oder gar Konkurrenten, sondern wir sind Brüder.

Die Priesterweihe hat uns hineingestaltet in eine übernatürliche Bruderschaft, in das so genannte Presbyterium, dem der Bischof vorsteht. Wir brauchen diese Wirklichkeit nicht selbst zu produzieren, sie ist uns mit der Weihe sakramental geschenkt.

Aber wir müssen sie zur Darstellung bringen, damit sie wirksam wird für uns und für all die, die uns nach Gottes Willen anvertraut sind. Dazu möchte ich heute einige Hinweise geben.

 

1.Die Einheit des Presbyteriums

Das Zusammen der Mitbrüder ist die erste Wirklichkeit, in der wir uns vorfinden. Der Priester ist keine Robinsonexistenz. Negativ wird das deutlich bei Judas. Er wird immer definiert als einer der Zwölf. So ist auch jeder von uns immer zu definieren als einer aus dem Presbyterium des Erzbistums Köln.

Dieses Zusammen der Mitbrüder in verschiedensten Formen hat es zu allen Zeiten der Geschichte priesterlichen Dienstes in der Kirche gegeben. Der Herr ruft uns, er schenkt uns sein convenire, seine Aufforderung zum Zusammenkommen. Ohne das convenire gibt es kein Konveniat und keinen Konvent.

Das Sich-Aufmachen, das Zusammenkommen, das Sich-Versammeln ist eine Urform christlicher Existenz und apostolischer Wirksamkeit. Davon gibt die Apostelgeschichte ein eindeutiges Zeugnis. Kein Seelsorgepriester kann wie ein Einsiedler für sich allein leben.

Unsere Zusammenkünfte als Priester bekommen ihr besonderes Gewicht dadurch, dass jeder etwas dazu beiträgt und dafür mitbringt. Ohne das convenire aller kommt eigentlich keine Konferenz zustande. Je mehr alle mitbringen, umso mehr kann der Einzelne mit nach Hause nehmen, denn eine Konferenz wird reich und fruchtbar, wenn die Erkenntnisse, die aus dem geistlichen Leben und aus der Pastoralerfahrung vieler gewonnen werden, mitgeteilt und ausgetauscht werden.

Eine solche Konferenz wird dann durch das colloqui und das colligere der Mitbrüder zu einem wirklichen Kolloquium und zu einem lebendigen Kollegium. Anstelle großer Referate namhafter Referenten, die natürlich ihr Recht behalten, tritt die Kollekte, der Austausch der pastoralen Erfahrungen aller Beteiligten. Kennzeichen solcher Priesterkollegien ist der Dialog, nicht der Monolog.

Solche Formen des Zusammens sind freilich nur möglich, wenn unter den Mitbrüdern das consentire vorhanden ist. Ohne das consentire gibt es keinen Konsens, ohne das concordare keine Konkordanz. Der Konsens macht oft erst das Gespräch möglich, und ist zugleich die Voraussetzung für unser fruchtbares, gemeinsames Handeln.

Wie der Konsens etwa bei den Brautleuten die Voraussetzung für das Mysterium der Ehe und für ihre Fruchtbarkeit ist, so sind auch innerhalb einer Pfarrei, einer Stadt, eines Dekanates, eines Seelsorgebereiches der Konsens und die Konkordanz der Priester die Voraussetzung für ein fruchtbares pastorales Wirken. Sonst wäre der Wurm drin!

Wenn schon von jeder Gemeinde die Einheit nach innen und außen von der Heiligen Schrift gefordert wird, um wie viel mehr muss die Einheit des Herzens und des Sinnes das Kennzeichen des Presbyteriums und damit unserer Priesterkonvente sein.

Wo sich bei aller Verschiedenheit des Charakters, der Befähigung, der Ausbildung, der Herkunft, des Lebensweges, des Alters die Priesterschaft gegenseitiger Zustimmung und des aufrichtigen Wohlwollens füreinander erfreut, da wird das eine Joch, das über uns in der Weihe gespannt wurde, uns auch an einem Strick ziehen lassen. So werden wir co-operatores, denn wir arbeiten dann einmütig zusammen zum gemeinsamen Werk.

Unter dem Zeichen der Gemeinschaft haben wir unser Priestertum angetreten, als wir durch die Handauflegung des Bischofs und der Priesterschaft in den Ordo aufgenommen wurden und als wir in Form der Konzelebration mit dem Bischof und den Mitbrüdern die erste heilige Messe feierten. Die Konzelebration ist nicht zuerst Ausdruck besonderer Feierlichkeit, sondern Ausdruck der durch den Ordo begründeten seinsmäßigen Einheit im Presbyterium.

 

2. Das gemeinschaftliche Wirken der Priesterschaft

Alle diese mit cum zusammengesetzten Worte beschreiben die Lebensformen und die Arbeitsweise einer Wirklichkeit, die in besonderer Weise eine communitas spiritualis der einen fraternitas sacramentalis ist. Diese Fraternität ist mehr als die Summe ihrer Glieder. Wie die Zwölf mehr ist als zwölf. Zwölf ist zwölfmal die eins, zwölf Einzelne, während die Zwölf um Jesus ein Corpus, ein Kollegium sind, welches das eine gemeinsame Apostolische Amt gemeinsam ausübt.

Die Priesterschaft ist in einem entsprechenden Sinn ein Kollegium, weil alle Priester kraft ihrer Weihe und ihrer Sendung Anteil haben an dem einen Munus in seiner dreifachen Gestalt, an dem Munus docendi, pascendi und sanctificandi. Die Teilnahme an dem einen Munus begründet unsere Communio.

Im Laufe der Geschichte hat sich dieses Kollegium in den Kollegiatsstiften und Priestergemeinschaften immer wieder Formen gesucht, in denen man diese Einheit dargestellt hat. Wenn das Priesterkollegium als communitas spiritualis, d.h. als die vom Heiligen Geist gewirkte Gemeinschaft zur Fülle kommen will, so muss die mannigfaltige Verteilung der Geistesgaben wie auch die besondere Wirkweise des Heiligen Geistes beachtet werden. Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will (1 Kor 12,11).

Des GeistesGaben sind sehr verschieden. Der eine hat die Prophetengabe, der andere die Lehrgabe, ein dritter die Leitungsgabe, ein anderer die Heilungsgabe. Jeder aber muss die ihm verliehene Gabe für andere gebrauchen nach dem Wort: Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt (1 Kor 12,7).

Was hier im Hinblick auf die Gemeinden gesagt wird, gilt ganz besonders für das Priesterkollegium. Dieses ist eine aus vielen Gliedern bestehende Einheit, ein geordnetes Gefüge in denkbar großer Mannigfaltigkeit. Jeder Priester hat in der heiligen Weihe die so genannte Amtsgnade empfangen, mit der er seinen Auftrag als Pastor einer Gemeinde erfüllen kann.

Aber darüber hinaus werden wir sagen dürfen: Keiner von uns hat alle anderen Gnadengaben des Heiligen Geistes, und keiner hat keine Gnadengaben, d.h. kein Priester kann seiner Gemeinde allein voll und ganz genügen. Wenn er auch sein Bestes gibt, aber in seiner Gemeinde wie ein absoluter Monarch regiert und keinen Mitbruder hineinlässt, bleibt die Gemeinde vielleicht in einigen Fragen unbetreut.

Die Gemeinde ist wohl in bestimmten Bereichen auf die Dienste und Gnadengaben anderer Mitbrüder angewiesen. Das aber bedeutet, dass der eine sich der Mitarbeit der anderen öffnet, wie auch, dass sich der andere zu dieser Mitarbeit zur Verfügung stellen muss.

Es geht nicht nur um gelegentliche Vertretung und Aushilfe, sondern um eine wohlgeordnete, regelmäßige, intensive Zusammenarbeit in pastoralen Bereichen, in Pfarrgemeinschaften, wo jeder zusätzlich je nach seinen Gnaden wirksam wird. Dieses von innen her kommende gemeinsame Werk ist für die Priester und für die Gemeinden von großer Bedeutung.

Das besondere Charisma der einzelnen Priester wird dann entfaltet, es wird zur Blüte werden und Frucht bringen. Viele Charismen verkümmern deshalb, weil sie nicht gefordert werden. Wenn ein Bruder jahrelang oder jahrzehntelang von seinen Mitbrüdern nicht entsprechend seinen besonderen Gaben und Fähigkeiten zur Mitarbeit gebeten und gefordert wird, so verkümmern oft nicht nur seine geistlichen und priesterlichen Fähigkeiten, sondern auch seine menschlichen.

Ein leitender Pfarrer, ein Dechant oder überhaupt ein Priester muss als Pater pneumatikos gute Augen haben, um die verschiedenen und besonderen Geistesgaben, Wirkkräfte, Dienste und Gnadengaben seiner Mitbrüder zu entdecken. Er muss ein weites Herz besitzen nach 2 Kor 6,11 , um sich über das zu freuen, was der Heilige Geist diesem oder jenem in einmaliger Weise gegeben hat.

Wenn aber der Dienst eines Mitbruders jahrelang nicht in Anspruch genommen wird, darf man sich nicht wundern, dass ein Mitbruder für besondere Aufgaben innerhalb des Seelsorgebereiches mit der Zeit nicht mehr gewonnen wird. Hier hat jeder eine verantwortliche pastorale Aufgabe für den Mitbruder neben mir.

Für unsere Gemeinden selbst wäre solch ein gemeinsames Wirken der Priesterschaft eine große Freude und brächte ihnen einen wirklich geistlichen Gewinn. Benachbarte Gemeinden würden sehen, was ein Priesterkollegium in ihrer Mitte lebt und wirkt.

In ihrer Verschiedenheit geben sie alle aufgrund ihrer gemeinsamen Amtsgnade Zeugnis von der wunderbaren Einheit im Leibe Christi, denn gerade die Vielfalt der Gnadengaben, Dienstleistungen und Tätigkeiten vereint die Kinder Gottes, weil dies alles der eine und der gleiche Geist wirkt (vgl. 1 Kor 12). Die einzelnen Geistesgaben, die aufeinander hin zur Einheit streben, bauen in einem Gebiet ein pastorales Ordnungsgefüge auf.

Das Zusammenwirken und das gemeinsame Werk werden zugleich ein Glaubenszeugnis, denn so wird jene Einheit sichtbar, durch die nach Christi Willen die Seinen vollkommen sein sollten im Einssein, damit die Welt erkenne, dass der Sohn vom Vater gesandt ist.

 

3. Die gemeinsame Begnadigung zu verschiedenen Aufgaben

Die Forderung zum gemeinsamen Werk ergibt sich nicht nur aus der verschiedenen Verteilung der Geistesgaben, sondern auch aus der besonderen Wirkweise des Heiligen Geistes. Vieles lässt uns der Heilige Geist nur durch das Zeugnis des anderen erkennen und mit der Hand des anderen vollbringen.

Wie immer spricht der Geist Gottes durch den Mund der Propheten. Sie haben durch die Weihe Anteil am prophetischen Amt in der Verkündigung. So lässt der Heilige Geist uns manches durch den Mund dessen erkennen, den er in dieser Sache besonders erleuchtet hat. Nur müssen wir aufhorchen und aufmerken, was Gottes Geist uns durch einen Mitbruder oder auch einen Mitchristen sagen will.

Wir kennen alle jenen inneren Vorgang, dass uns bei einem Gespräch plötzlich ein Licht aufgeht. Wenn Geistliche bei Konferenzen zusammen sind und so der Heilige Geist in dieser communitas spiritualis, also in dieser geistlichen Gemeinschaft, in einer besonderen Weise gegenwärtig und wirksam ist, so findet er viele Wege, uns durch Gespräch, Vorträge, Berichte, Bemerkungen zu neuen Erkenntnissen zu führen, wenn wir innerlich wach sind. Wir müssen uns hüten vor der Vernachlässigung seiner Einsprechungen.

Wo aber der Heilige Geist ist, da ist auch der Widersacher nicht fern. Er hat seine eigenen Methoden, Konferenzen oder Gespräche unter den Mitbrüdern zu stören, z. B. durch globale Urteile, durch unsachliche Bemerkungen, durch Spott, durch tödliches Schweigen oder permanentes Reden. Hier hilft nur das Stoßgebet: Von den Nachstellungen des Teufels befreie uns, o Herr!

Das gemeinsame Werk, das zu tun ist, beruht auf jener Einheit, die vom Heiligen Geist gewirkt ist. Diese aber beruht nicht nur einfach auf der Sympathie der Mitbrüder, sondern auf der gemeinsamen Weihe und dem gemeinsamen Auftrag für unsere Diözese, für diesen Seelsorgebereich, für diese Stadt, für dieses Dekanat. Wie in apostolischen Zeiten müssen wir uns deshalb so, wie wir zusammengespannt sind, den Handschlag der Gemeinschaft geben.

Der Apostel Paulus berichtet im Galaterbrief: Die Angesehenen sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist wie dem Petrus für die Beschnittenen , und sie erkannten die Gnade, die mir verliehen ist. Deshalb gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als die Säulen Ansehen genießen, mir und Barnabas die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft: Wir sollten zu den Heiden gehen, sie zu den Beschnittenen (Gal 2,7-9).

Liebe Mitbrüder, wir stehen vor großen pastoralen Herausforderungen. Haben wir keine Angst. Geben wir uns heute erneut den Handschlag der Gemeinschaft, dann wird der Heilige Geist Gottes durch uns wirksam, der das Angesicht unseres Erzbistums erneuern wird. Amen.

 

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Vom Erzbischöflichen Ordinariat veröffentlichtes Original-Manuskript]

 

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