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Was ist Berufung
P. Franz Meures SJ, in: WEGBEREITER. Magazin für Berufe der Kirche 3/96, 13

"Wie die Heiligkeit Ziel aller in Christus Getauften ist, so hat jedes Leben seine eigene, besondere Berufung; und wie erstere in der Taufe gründet, so ist die zweite mit der bloßen Tatsache seines Daseins verbunden. Die Berufung ist der vorhersehende Gedanke des Schöpfers über das jeweilige Geschöpf, sie ist sein Idealplan, ist wie ein Traum, der Gott am Herzen liegt, weil ihm das Geschöpf am Herzen liegt. Gott, der Vater, will diesen Plan unterschiedlich und spezifisch für jedes Leben. Der Mensch ist nämlich ins Leben 'gerufen', und wenn er ins Leben eintritt, trägt und findet er in sich das Abbild dessen, der ihn gerufen hat.


Die Berufung ist die Einladung Gottes, sich entsprechend diesem Bild zu verwirklichen, und sie ist einzig, einmalig und unwiederholbar, weil dieses Bild unerschöpflich ist. Jedes Geschöpf ist berufen, diese Botschaft und einen besonderen Aspekt des Gedankens Gottes zum Ausdruck zu bringen. In ihm findet es seinen Namen und seine Identität; es behauptet und sichert seine Freiheit und Originalität.


Wenn also jedem Menschen von Geburt an seine eigene Berufung zukommt, dann gibt es in der Kirche und in der Welt verschiedene Berufungen, die, während sie einerseits auf theologischer Ebene die dem Menschen eingeprägte Ebenbildlichkeit mit Gott zum Ausdruck bringen, andererseits auf der pastoralen Ebene auf die verschiedenen Bedürfnisse der neuen Evangelisierung antworten und die Dynamik und Gemeinschaft der Kirche bereichern" (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 131, Neue Berufungen für ein neues Europa. Schlußdokument des Europäischen Kongresses über die Berufungen zum Priestertum und Ordensleben in Europa, Rom, 5.-10. Mai 1997, 6. Januar 1998; Hrsg.: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn, 22f.).
 
Unter Berufung versteht man im allgemeinen eine innere Gnade


- sie ist ein reines Geschenk Gottes,
- sie geht aus der Freiheit Gottes hervor,
- sie hat einen übernatürlichen Charakter.


Gott weckt die Berufung; und er bestimmt die Umweltverhältnisse, in denen der Anruf erfolgt. Der Herr berücksichtigt die Lebensverhältnisse des Berufenen. Der von Ihm Angesprochene ist auf diesen Anruft vorbereitet, hingeordnet und damit beschenkt.
Es ist undenkbar, daß Gott jemanden ruft, ohne ihm wenigstens die entsprechenden Fähigkeiten im Keim zu verleihen (äußere Gnaden). Nach und nach läßt ihm die innere Gnade zu Bewußtsein kommen, daß alles in seinem Leben in der Richtung auf diese Geistliche Berufung hinausläuft. Auf immer dringlichere Weise lädt sie ihn zur freiwilligen Annahme des Anrufes ein, der von Mal zu Mal deutlicher in ihm aufklingt. (vgl. Raymond Hostie, Kriterien geistlicher Berufung, Salzburg 1964, 12-17).

 

Geistliche Berufung:
'Gott ruft jeden, aber mit anderer Stimme' (Y. Congar). Die Berufung jedes Christen hat Anteil an der Berufung der Kirche, auch in den Unterschieden hinsichtlich Lebensform und Tätigkeitsbereich. In besonderer Beziehung zur Kirche stehen die 'kirchlichen Berufungen' im eingegrenzten Sinn, die 'geistlichen Berufe' des Priesters und Ordenschristen. Diese beiden Grundformen sind nicht Monopole der geistlichen Berufung, sondern beziehen sich auf einen bestimmten Auftrag in der Kirche.

Die geistliche Berufung zum Priestertum bedarf der Bereitschaft des Kandidaten und der Eignung, für die im Laufe der Geschichte die Kriterien wechseln. Gesundheitliche, charakterliche und intellektuelle Eignung sowie Fähigkeit zur Verantwortung für das eigene Leben, für die Kirche, für die Welt und die Erde sind Grundlagen zur Reifung einer personalen Identität, in der die kirchlichen Aufgabe und die Lebensform nach den Evangelischen Räten angenommen und gestaltet werden können. Zur Eignung kommt die Annahme durch die Kirche, die sich in der Weihe (Weihesakrament) ausdrückt, als unverzichtbarer Bestandteil der Berufung.

 

Die geistliche Berufung zum Ordensstand wird je nach Gründungscharisma in einen kontemplativen oder aktiven Orden führen. Allen Orden gemeinsame Kennzeichen sind das Leben in Gemeinschaft und das durch die Gelübde besiegelte Leben nach den Evangelischen Räten. Eignung und Annahme durch die Ordensgemeinschaft sind auch hier konstitutiv. Zu den geistlichen Berufungen im weiteren Sinne zählen die Drittorden, pastorale Dienste, Säkularinstitute und in neueren Aufbrüchen Basisgemeinschaften, geistliche Gemeinschaften und geistliche Bewegungen.
 
Geistliche Berufungen entzünden sich,


- wo das Hören von Schrift und Verkündigung,
- das Erleben glaubwürdigen Lebens,
- die Wahrnehmung der jetzigen Zeit
- und des inneren Wortes der Sehnsucht zusammenkommen.

 

In solchem Hören auf den Geist wird der persönliche Ruf vernehmbar. Dazu bedarf es in der Regel der unterscheidenden, erfahrenen Begleitung, die entdecken hilft, 'worauf es ankommt' (Phil 1,10).

Jede geistliche Berufung bedarf der Quellen und der Pflege, will sie wachsen und reifen. Ihr Sinn erschließt sich und liegt im 'Vorrang des geistlichen Lebens' (J. Sudbrack). Dieses Fundament jeder geistlichen Berufung hat seine Mitte im Du zu Gott.

Es wird gestärkt


- im kontinuierlichen Hören der Schrift,
- im persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet,
- in menschlichen Beziehungen,
- in der Übernahme konkreter Verantwortung,
- in der Reflexion eigener und gesellschaftlicher Verhältnisse,
- im gelebten Verzicht,
- in der Ordnung des Lebens,
- in geistlicher Begleitung,
- im Mitleben mit der Kirche.

 

Das Du zu Gott läßt der kommenden Gottesherrschaft, auf die jede geistliche Berufung bezogen ist, innewerden. Der Kern der Gottesherrschaft ist: sich von Jesus rufen zu lassen. Das ist ein andauerndes Geschehen" (Paul Deselaers, Artikel "Geistliche Berufung", in: Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg-Basel-Rom-Wien 1994, Band 2, Sp. 305-306).

 

                                                                                                                                                                                                       
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