
Priester sind unentbehrlich
Predigt des Berliner Erzbischofs Kardinal Sterzinsky bei der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 27. September 2007
I. Der
heilige Vinzenz von Paul: wie jeder Heilige ein Geschenk Gottes an die Kirche
seiner Zeit! Wo ist der heilige Vinzenz für unsere Tage, der Heilige, der die
Nöte der Kirche erkennt, analysiert und nicht nur anderen sagt, was sie tun
sollen, sondern beherzt anfängt zu tun, was die Not wendet?
Vinzenz sah
die Not unter den verlassenen Kranken und Armen, erkannte als eine Ursache den
krassen Mangel an der Bildung des einfachen Volkes und war erschrocken über die
mangelhafte Ausbildung und über die geistliche Verwahrlosung des Klerus.
Dementsprechend galt sein Werk dem Dienst für die Armen und der Pflege der
Kranken, der Volksmission und der Heranbildung eines guten Klerus.
Wo ist
der heilige Vinzenz für unsere Tage?
Zahllos sind die empirischen
Erhebungen, die uns über die soziale und auch die religiöse Lage informieren und
sie analysieren. In der Diagnose sind wir alle stark. Gottlob gibt es auch so
manchen, der die Wurzel vieler Übel nicht nur erkennt, sondern auch auf Abhilfe
sinnt, Konzepte entwirft und auch gleich nach Kräften tut, was zu tun ist.
Gerade das Letzte ist wichtig, denn Konzepte überzeugen erst, wenn ihnen die
Praxis folgt. Unter diesen Nothelfern sind weltweit bekannte Namen, aber auch
viele noch Unbekannte, Einzelkämpfer mit kleinen Gruppen und Persönlichkeiten,
die Bewegungen auslösen. Mögen die Diagnosen und Therapien auch unterschiedlich
akzentuiert sein, in der Zusammenarbeit sind sie ein großer Segen und ein Grund
zur Hoffnung.
Freilich werden die Nöte und Mängel nicht alle behoben. Sie
werden es nie sein. Arme habt ihr allezeit bei euch, sagt Jesus. Wir wissen, wie
Recht er hatte. Das ist aber kein Grund, die Bemühungen aufzustecken, und es
gibt uns nicht das Recht zur Resignation.
Wir dürfen vertrauen, dass Gott
Charismatiker beruft und erweckt, die neue Wege entdecken und vorangehen.
Natürlich dürfen wir nicht warten, bis der Eine und Große sein Werk vollbringt,
sondern müssen tun, was in unseren Kräften steht.
II.
Liebe
Mitbrüder, ein Anliegen möchte ich hervorheben und bedenken: die Sorge um den
Priesternachwuchs.
1. Dieses Anliegen liegt uns allen sehr am Herzen. Wir
sinnen auf Abhilfe und lösen Initiativen aus, damit die Berufungen entdeckt und
gefördert werden. Doch frage ich zuweilen auch, ob wir die Tragweite des
Rückgangs wirklich erfasst haben. Oder ergeht es uns nicht zuweilen, wie es
Menschen ergeht: Sie befürchten das Bevorstehende; aber weil sie es nicht
wahrhaben wollen oder hilflos sind, verschließen sie die Augen vor der
Wirklichkeit? Immerhin bemühen wir uns, die Realität zu erfassen: den
jahrelangen Rückgang an geistlichen Berufungen. Jahr um Jahr nehmen wir ihn zur
Kenntnis. Weil wir aber Berufungen nicht anordnen oder produzieren können,
bleiben wir zwar oft ratlos ..., suchen aber doch nach neuen Wegen.
Wie
soll es weitergehen? Wenn Seminare immer mehr Leerstand haben ... über Jahre ...
wenn unsere Hoffnungen auf eine Trendwende schon lange enttäuscht werden? Es
fehlen uns inzwischen doch längst Priester aus den Weihejahrgängen, die jetzt
dran wären, größere Verantwortung zu übernehmen.
Bisher haben die meisten
Diözesen sich damit helfen müssen, dass sie einzelnen Priestern immer mehr
priesterliche Dienste übertrugen und, wo es möglich ist, Laienkräfte mit neuen
Aufgaben betrauen. Die notwendigen Dienste, die nur von Priestern erbracht
werden können, werden abgesichert, auch durch den Einsatz älterer Priester. Das
Netz der Priesterstellen wurde aber inzwischen beängstigend weitmaschig.
Weitmaschigkeit oder Dehnung und Streckung (um im Bild zu sprechen) kommt aber
an eine Grenze. So dankbar wir für neue pastorale Berufe sind, bleibt doch
festzuhalten: Priester sind unentbehrlich und können nur durch Priester ersetzt
werden. Auch die Übernahme von Priestern aus anderen Regionen und Kulturkreisen
ist keine Dauerlösung. Wie wird es in ein, zwei Generationen in unseren
Bistümern aussehen?
2. Was ist zu tun?
Wüssten wir es, wir würden
es tun! Bisher aber hat noch keiner den Stein der Weisen gefunden.
Auf
zwei Aufgaben möchte ich hinweisen. Das sind längst nicht alle, die zu erfüllen
sind, aber zwei, die dringend sind und doch vernachlässigt werden. Sie zu
erfüllen, wird nicht unmittelbar und kurzfristig die erwünschten Früchte
bringen, aber auf lange Sicht doch.
Ich denke an das unablässige Gebet um
geistliche Berufungen. Ist das nicht selbstverständlich und schon oft dringend
empfohlen? Gewiss, aber nach meinen Beobachtungen in der Praxis längst nicht
selbstverständlich, sondern recht selten. Es gehört nicht zur täglichen Fürbitte
in den Gemeinden, und zu den Gebetsstunden in diesem Anliegen kommen immer nur
wenige (und mancherorts immer weniger).
Manche Gemeinde sorgt sich, wenn
ihr Seelsorger einen immer größeren Aufgabenbereich zu bewältigen hat. Sie
fragt: Wird er der Aufgabenstellung gerecht werden können? Oft höre ich aber
auch beschwichtigend: Es gehe auch mit weniger Priestern; die Erfahrung beweise
es. Mich ängstigt solche Verharmlosung.
Wenn die Gemeinden sich mit immer
weniger priesterlichen Diensten abfinden und unter dem Mangel nicht leiden,
fürchte ich, wird auch das Gebet um geistliche Berufungen halbherzig und
schwindet es. Dazu kommt vielleicht Schwäche in Glaube und Hoffnung: Haben
unsere Gebete bisher Früchte getragen? Manchmal scheinen auch Priester dem Gebet
für die geistlichen Berufe nicht die hohe Bedeutung zuzumessen, die es hat. Wir
Bischöfe sollten nicht müde werden, zum Gebet zu mahnen und
einzuladen.
Eine zweite Aufgabe für uns Bischöfe ist unser Beitrag zu
einem tragfähigen und theologisch gut begründeten Priesterbild, das dem Volk
verständlich vermittelt wird und den Berufenen zur Bereitschaft und zur
Entscheidung hilft.
Es gibt eine unübersehbare Fülle von Studien zum
Wandel des Priesterbildes im Laufe der Geschichte, speziell auch in unserem
Zeitalter. Die Kenntnis der Wandlungen und Entwicklungen genügt nicht. Wir
brauchen ein Leitbild. Das kann nicht der einzelne Theologe und auch nicht der
einzelne Bischof finden. Es gehört aber zu den Aufgaben des kirchlichen
Lehramtes, ein zuverlässiges Bild vom Weihepriestertum zu verkünden. In der
Gemeinschaft des Bischofskollegiums in treuer Einheit mit dem Papst ist es zu
finden und wirksam vorzustellen. Wir können und dürfen nicht einfach eines der
gängigen Priesterbilder übernehmen. Es muss aus der Mitte des Glaubens
erwachsen.
Weit verbreitet ist ein zu funktionalistisch bestimmtes
Priesterbild. Wird alles von den Diensten her gesehen, geraten allzu leicht
Surrogate in den Blick und werden unzureichende Ersatzlösungen hingenommen. Das
motiviert das Volk nicht zum Gebet um Priester und für die Priester. Und die
Berufenen erkennen nicht, wofür sie sich entscheiden sollen, und wissen nicht,
wie die priesterliche Lebensform, die für den Priester nach kirchlichem
Verständnis angemessen ist und die die Kirche erwarten muss, lebbar und
erfüllend ist.
Zwei grundlegende Aufgaben habe ich benannt. Viele andere
stehen an. Was wir Bischöfe den Gemeinden, Dekanaten und Ordinariaten zur
Erneuerung der Pastoral zumuten an Neustrukturierungen und Neuorganisationen, an
Kooperationen und Prioritätensetzungen , müssen wir wohl ernsthaft für die
Seminare in den Blick nehmen. Mit weiteren Verkleinerungen ist es nicht getan.
Aber all dies kann ich nicht mehr entfalten.
Wo ist der heilige Vinzenz
für unsere Tage: der Heilige, der uns sagt, was dran ist, und mit guten Beispiel
vorangeht? Vielleicht ist er mitten unter uns. Vielleicht müssen wir in
Gemeinsamkeit die Aufgabe erfüllen. Amen.
[Von
der deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes
Redemanuskript]